Studie  |  02.03.2026

Anpassung an den Klimawandel – Wälder können mehr als Emissionen binden

Nur zu oft werden Wälder auf eine Zahl reduziert: die Menge an gespeichertem CO₂. Eine neue Übersicht in Science, zu der das Net Zero Lab beigetragen hat, zeigt jedoch: Wälder leisten weit mehr. Sie tragen zur Anpassung an den Klimawandel bei, indem sie die Umgebung kühlen, den Wasserkreislauf regulieren sowie Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen verbessern. Die Effekte variieren je nach Umwelt­kontext – mit wichtigen Implikationen für Wald­manage­ment und Klima­anpassungs­strategien. 

Infografik mit dem Schwerpunkt auf den vielfältigen Funktionen von Wäldern. Links sind Bäume mit ausgedehnten Wurzeln dargestellt, die verschiedene Prozesse wie Niederschlag, Verdunstung, Bodenfeuchte, Oberflächenabfluss und Infiltration illustrieren. Pfeile und Beschriftungen zeigen Zusammenhänge zwischen Wolkenbildung, Albedo-Effekten und Wasserhaushalt. Rechts im Bild stehen Gebäude, darunter ein Krankenhaus mit rotem Kreuz, das auf gesundheitliche Aspekte verweist. Eine Person läuft auf einem Weg. Die Grafik verdeutlicht, dass Wälder neben der CO2-Speicherung weitere ökologische und gesellschaftliche Funktionen erfüllen.
Von Wäldern beeinflusste biophysikalische Prozesse und ihre Auswirkungen auf das menschliche Wohlergehen (Reek et al. 2026, 670).

Mehr als Kohlenstoff: Wälder als aktive Klimaregulatoren


Wälder tragen entscheidend zum Klimaschutz bei – und zwar nicht nur, indem sie Kohlenstoff binden. Die Studie zeigt, dass wir ihre Rolle zu eng fassen, wenn wir sie allein als Kohlenstoffsenken betrachten. Tatsächlich greifen Wälder auf vielfältige Weise in das Klimasystem ein: Sie stehen in ständigem Austausch mit der Atmosphäre, beeinflussen die Eigenschaften der Landoberfläche und wirken auf den Wasserhaushalt ein. So prägen sie das lokale und regionale Klima aktiv mit. In bestimmten Zusammenhängen können diese Effekte ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher ergänzen oder – gerade auf kürzeren, für Anpassungsmaßnahmen wichtigen Zeitskalen – sogar übertreffen.


Kühlung vor Ort: Wie Wälder Temperaturen beeinflussen


Wälder können ihre Umgebung spürbar abkühlen. Sie spenden Schatten und geben Wasser an die Atmosphäre ab – durch Evapotranspiration (also die kombinierte Verdunstung von Wasser aus dem Boden und die Abgabe von Wasserdampf über die Blätter). Auf diese Weise senken sie sowohl die Oberflächen- als auch die Lufttemperatur, besonders während Hitzeperioden. In gemäßigten und tropischen Regionen fällt dieser Effekt oft besonders stark aus, weil dichte Vegetation den Feuchtigkeitsaustausch intensiviert. In nördlichen Breiten zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Dort können dunkle Waldflächen mehr Sonnenstrahlung aufnehmen als helle, schneebedeckte Freiflächen und so lokal sogar zur Erwärmung beitragen. Entscheidend ist also immer der jeweilige geografische und saisonale Kontext.


Wasser in Bewegung: Wälder und der Wasserkreislauf


Auch im Wasserkreislauf spielen Wälder eine aktive Rolle. Indem sie Wasser verdunsten und an die Atmosphäre abgeben, fördern sie die Bildung von Wolken und beeinflussen Niederschläge – sowohl in ihrer unmittelbaren Umgebung als auch in weiter entfernten Regionen. So können sie dazu beitragen, das regionale Klima zu stabilisieren und Dürrerisiken zu mindern. Gleichzeitig wirken Wälder auf den Bodenwasserhaushalt, die Neubildung von Grundwasser und den Abfluss von Wasser ein. Unter bestimmten Bedingungen können sie dadurch auch Hochwasserrisiken reduzieren. Wie stark diese Effekte ausfallen, hängt jedoch vom jeweiligen Waldtyp, von der Bewirtschaftung und von der Klimazone ab. Gerade deshalb ist es wichtig, diese Zusammenhänge differenziert zu betrachten, wenn man Landnutzung und Klimaschutz zusammendenkt.


Lebensqualität verbessern: Wälder und menschliches Wohlbefinden


Wälder beeinflussen nicht nur physikalische Prozesse, sondern auch das Leben der Menschen direkt. Indem sie ihre Umgebung kühlen, verringern sie Hitzebelastungen in Städten und ländlichen Räumen. Gleichzeitig verbessern sie die Luftqualität, bieten Räume für Erholung und wirken sich positiv auf die psychische Gesundheit aus. Diese zusätzlichen Vorteile gewinnen vor allem in dicht besiedelten Regionen an Bedeutung. Dort können schon kleine Veränderungen im lokalen Klima große Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensqualität haben.


Was folgt daraus für Politik und Waldbewirtschaftung?


Die Ergebnisse legen nahe, Klimapolitik und Waldbewirtschaftung breiter zu denken. Wer sich allein an Kohlenstoffbilanzen orientiert, riskiert Fehlentscheidungen – etwa wenn Aufforstung in Regionen erfolgt, in denen sie die Reflexion von Sonnenlicht verringert oder Wasserressourcen belastet. Stattdessen braucht es einen integrierten Ansatz: Maßnahmen sollten sich an den jeweiligen Umweltbedingungen orientieren und sowohl Kohlenstoffspeicherung als auch Temperatur- und Wasserwirkungen berücksichtigen. Ebenso wichtig ist es, die gesellschaftlichen Vorteile von Wäldern systematisch einzubeziehen. Wenn Forschung, Klima-Modelle und politische Entscheidungen diese verschiedenen Dimensionen zusammenführen, lassen sich der Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel wirksamer gestalten.


Die Studie plädiert damit für ein erweitertes Verständnis von Wäldern in Klimastrategien. Wer ihre vielfältigen Funktionen anerkennt, schafft eine fundiertere Grundlage für politische Entscheidungen – und stärkt zugleich ihre Rolle für eine widerstandsfähige und nachhaltige Gesellschaft.


Direkt zur Publikation:
Reek, Josephine Elena; Zohner, Constantin M.; Reuben Smith, Gabriel; Cook-Patton, Susan C.; Frenne, Pieter De; Probst, Benedict; D’Odorico, Paolo (2026).
More Than Mitigation: The Role of Forests in Climate Adaptation, Science, 391 (6786), 669–678.