COMPASS steht für Carbon Offset Monitoring to Accelerate Sustainable Societies. Der Max-Planck-Forschungsgruppenleiter Benedict Probst plant den Aufbau des ersten systemweiten, nahezu in Echtzeit erfolgenden Monitorings zur Auswertung der globalen CO₂-Ausgleichsmärkte. Das Projekt wird über einen Zeitraum von fünf Jahren gefördert.
ERC Starting Grants gehören zu den begehrtesten Forschungspreisen in Europa. Die Fördermittel unterstützen herausragende Forschende in der Anfangsphase ihrer eigenständigen Karriere bei der Durchführung von hochriskanten, aber äußerst vielversprechenden Projekten, die sie selbst entwickelt haben.
Ein Markt, der auf schwer überprüfbaren Versprechen basiert
Der CO₂-Ausgleich basiert auf einem einfachen Konzept. Ein Unternehmen oder ein Land, das Schwierigkeiten hat oder es als zu kostspielig erachtet, seine eigenen Emissionen zu senken, bezahlt dafür, dass Emissionen an anderer Stelle vermieden oder beseitigt werden – beispielsweise durch den Schutz eines Waldes im Amazonasgebiet, die Verteilung effizienter Kochherde in Kenia oder den Bau eines Solarkraftwerks in Indien – und rechnet die vermiedenen Tonnen an Emissionen gegen sein eigenes Klimaziel an. Jede Tonne wird von einer normgebenden Organisation wie dem Clean Development Mechanism der Vereinten Nationen oder dem privat geführten Register Verra als Kohlenstoffgutschrift zertifiziert.
Das Problem ist, dass das verkaufte Produkt möglicherweise etwas ist, das gar nicht zustande gekommen ist. Käufer können es oft nicht überprüfen, und es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass viele Emissionszertifikate nicht halten, was sie versprechen. In einer internationalen Metaanalyse, die 2024 in Nature Communications veröffentlicht wurde, untersuchten Forschende unter der Leitung von Benedict Probst Emissionszertifikate im Umfang von rund einer Milliarde Tonnen CO₂ – etwa einem Fünftel aller bis dahin ausgegebenen Zertifikate. Weniger als 16 Prozent entsprachen tatsächlichen Emissionsminderungen. Die Differenz zwischen den angegebenen und den tatsächlich erzielten Werten belief sich auf 812 Millionen Tonnen CO₂ und überstieg damit die jährlichen Treibhausgasemissionen Deutschlands.
Trotz dieser Erkenntnisse rücken Kompensationen vom Randbereich der Berichte zur Nachhaltigkeit von Unternehmen in den Mittelpunkt der Klimapolitik. Das Klimaziel der Europäischen Union für 2040 veranschaulicht, worum es dabei geht: Im Vergleich zu früheren Zielvorgaben lässt es rund 50 Prozent höhere inländische Emissionen zu und setzt darauf, dass internationale Kompensationen die Differenz ausgleichen.
„Emissionsausgleiche sind längst kein Nischeninstrument für grünes Marketing mehr; sie entwickeln sich zu einem tragenden Pfeiler der Klimapläne von Staaten und Unternehmen. Wenn sie hinter den Erwartungen zurückbleiben, kaufen wir keine Klimaschutzmaßnahmen – wir senken stillschweigend unsere Ambitionen. Meine Sorge ist nicht, dass Emissionsausgleiche unvollkommen sind. Meine Sorge ist, dass wir unsere Politik auf sie aufbauen, ohne zuverlässig wissen zu können, ob sie funktionieren“, sagt Benedict Probst.
Warum die heutigen Qualitätskontrollen den Markt nicht lenken können
Befürworter argumentieren, dass zunehmende Überprüfungen, neue Reforminitiativen und eine Welle privater Ratingagenturen die Qualität von Emissionszertifikaten bereits verbessern. Benedict Probst geht jedoch davon aus, dass wir derzeit keine umfassenden Möglichkeiten haben, dies zu beurteilen. Er argumentiert, dass bestehende Bewertungen unter drei strukturellen Mängeln leiden.
- Sie sind isoliert: Sie untersuchen einzelne Projekte nacheinander, ohne zu fragen, wer sie entwickelt, wer sie geprüft, wer die Zertifikate gekauft hat oder wie sich diese Zusammenhänge auf die Qualität auswirken.
- Sie sind unzugänglich: Die entscheidenden Informationen sind in Zehntausenden Seiten unstrukturierter Projektdokumente und Unternehmensberichte vergraben, die kaum jemand liest.
- Sie finden nicht regelmäßig statt: Rigorose Studien dauern Jahre, und bis dahin sind die Zertifikate längst verkauft, aufgebraucht und stillgelegt worden.
„Die heutigen Qualitätsprüfungen sind ein bisschen so, als würde man alle zehn Jahre einmal eine Handvoll Restaurants bewerten und nie fragen, wer die Prüfer ausgebildet hat oder wer sie bezahlt. COMPASS verlagert die Frage von ‚War dieses eine Projekt gut?‘ hin zu ‚Bewegt sich dieses System in die richtige Richtung, und wer profitiert davon, wenn dies nicht der Fall ist?‘,“ sagt Benedict Probst.
Was COMPASS leisten wird
1. Die Akteure erfassen. Es wird ermittelt, wer Emissionszertifikate entwickelt, prüft, bewertet und kauft sowie welche Kombinationen von Akteuren immer wieder schwache Projekte hervorbringen.
2. Die Fakten offenlegen. Große Sprachmodelle untersuchen Tausende von Projektdokumenten und Unternehmensberichten und extrahieren die Annahmen, die hinter jeder Behauptung stehen.
3. Angebot und Nachfrage überprüfen. Dabei werden die geltend gemachten Emissionsminderungsergebnisse für verschiedene Projektarten neuberechnet und die Gutschriftenkäufe Tausender Unternehmen mit ihrer tatsächlichen Dekarbonisierung verglichen.
4. Die Reformen auf den Prüfstand stellen. Es wird ermittelt, ob Reforminitiativen problematische Strukturen aufbrechen oder ob sich Akteure, die von niedrigen Standards profitieren, einfach nur anpassen.
„Erfolg bedeutet für mich nicht nur eine weitere Studie, die zeigt, dass Emissionsausgleiche hinter den Erwartungen zurückbleiben. Erfolg ist, wenn Aufsichtsbehörden, Unternehmen oder Journalistinnen und Journalisten nachvollziehen können, ob sich dieser Markt verbessert, und die Fakten hinter den Antworten erkennen können. Wenn wir feststellen, dass die Reformen funktionieren, sollten wir auch das genauso deutlich sagen“, unterstreicht Benedict Probst.
Über das Net Zero Lab
Benedict Probst leitet seit Mai 2024 das Net Zero Lab am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, das als eigenständige Max-Planck-Forschungsgruppe innerhalb der von Dietmar Harhoff geleiteten Abteilung Innovation and Entrepreneurship Research angesiedelt ist. Ziel des Net Zero Lab ist es, die Entwicklung grüner Technologien zu beschleunigen, die für den Ersatz fossiler Brennstoffe in der Industrie entscheidend sind, sowie von Technologien, die CO₂ direkt aus der Luft entfernen.
Über den ERC und den Starting Grant-Wettbewerb
Der Europäische Forschungsrat, der 2007 von der Europäischen Union gegründet wurde, ist die führende europäische Förderorganisation für exzellente Spitzenforschung. Er fördert kreative Forscherinnen und Forscher jeder Nationalität und jeden Alters bei der Umsetzung von Projekten in ganz Europa. Die Gewinnerprojekte des Starting Grant-Wettbewerbs 2026 decken ein breites Spektrum an Forschungsbereichen ab, von den Lebens- und den Ingenieurwissenschaften bis hin zu den Sozial- und Geisteswissenschaften. Die Fördermittel in Höhe von insgesamt 705 Millionen Euro gehen an 421 Nachwuchsforschende in ganz Europa. Ein Starting Grant umfasst bis zu 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von maximal fünf Jahren. Für diesen Wettbewerb wurden 4.807 Anträge eingereicht – ein Rekord und ein Anstieg um 22 Prozent gegenüber den 3.928 Anträgen der letztjährigen Ausschreibung. Nur 8,8 Prozent der diesjährigen Einreichungen konnten gefördert werden. Die gestiegene Nachfrage nach Förderung spiegelte sich auch in der Zahl der Anträge von Forschenden außerhalb Europas wider. Insbesondere bewarben sich 169 in den USA ansässige Forschende, verglichen mit 116 in der vorherigen Ausschreibung. Mehrere europäische Forschende, die sich von außerhalb der EU und der mit Horizon Europe assoziierten Länder beworben hatten, werden nun nach Europa kommen, um ihre Forschung fortzusetzen.
Weitere Informationen
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